Katholischer Religionsunterricht

Der Religionsunterricht versteht sich als Dienst der Kirche an jungen Menschen im Lebensraum Schule. Durch seine Anbindung an den gelebten Glauben entfaltet er seine bildende Kraft und soll somit erfahrungsnah aufgenommen werden. Er wird in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der konfessionellen Kirchen erteilt. Neben konfessionsspezifischen und christlichen Themen begegnen die Jugendlichen auch den anderen Weltreligionen und lernen diese in ihren Besonderheiten kennen. Der Religionsunterricht versteht sich zudem als Fach, in dem vor allem auch moralische, sozialethische und natürlich christliche Werte geprägt werden sollen.

Jom Kippur beziehungsweise Buße und Abendmahl

Nach Tagen der Buße und Umkehr feiern Jüdinnen und Juden an Jom Kippur die Versöhnung mit Gott. Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg erläutert im nachfolgenden Text die Besonderheiten und Bräuche des höchsten jüdischen Feiertages.

„Heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig, der Ewige, euer Gott“ (Lev 19, 2). Menschen sind in Gottes Ebenbild geschaffen und haben den Auftrag, dies in unserem Handeln durchscheinen zu lassen. Aber wie oft versagen wir in ethischer und in religiöser Hinsicht, diesen hohen Erwartungen gerecht zu werden! Wie kann uns dafür vergeben werden, wie können wir uns selbst vergeben, unserem Potential nicht gerecht zu werden? Wie kann es gelingen, trotz unseres wiederholten Verfehlens das Streben nicht aufzugeben? Die Hohen Feiertage sind eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Schuldeinsicht, Scham, Angst, Umkehr und Hoffen auf Vergebung.

Jom Kippur ist dabei nur das vorläufige Ende einer vierzigtägigen Reise, die im Monat Elul beginnt. Dann beginnt das Schofarblasen, dass dieser Periode ihren Klang verleiht: Der dunkle, archaische Ton eines Widderhorns, das jeden Morgen geblasen wird und daran erinnert, dass jetzt die Zeit der Seelenprüfung und Umkehr ist. Der Monat vor dem Neujahrsfest Rosch HaSchanah ist eine Zeit der Vorbereitung auf die Hohen Feiertage, also die Tage von Rosch HaSchanah bis Jom Kippur. Es werden spezielle Gebete, die „Slichot“, gesagt, mit denen wir Gott um Verzeihung für unsere Vergehen, Verfehlungen und Versäumnisse des vergangenen Jahres bitten. Bevor man eine Schuld bekennen kann, muss man sie erkennen, und so ist dieser Monat durch Rückschau und Introspektion gekennzeichnet. Mit Rosch HaSchanah beginnt ein neues Jahr, und kalendarische Umbrüche sind Anlass, sich zu befragen, wie man das zurückliegende Jahr verbracht hat und ob wirklich alles so gelungen war.

Zugleich werden die zehn Tage von Rosch HaSchanah bis Jom Kippur als eine Periode des Gerichts angesehen. Während der Charakter dieser beiden Feiertage in der Torah noch relativ undeutlich bleibt, hat die rabbinische Auslegung sie zu einer Klammer verbunden, die die Zehn Tage der Umkehr umspannt. Nach traditioneller Vorstellung hält Gott in dieser Zeit Gericht: Nicht allein Juden und Jüdinnen, sondern alle Geschöpfe der Welt ziehen zu Rosch HaSchanah vor Gott vorbei und werden einzeln auf ihr Verhalten, ihre Taten und Unterlassungen geprüft. Vor Gott liegen drei Bücher aufgeschlagen: Eines für die Gerechten, eines für die unverbesserlichen Übeltäter und eines für die Menschen, die sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen befinden. Sogleich werden die vollkommen Gerechten zum Leben und die absolut Bösen zu Unheil und Tod eingeschrieben. Die Durchschnittlichen hingegen, zu denen wohl die meisten von uns gehören, bekommen noch einen Aufschub: Ihr Urteil wird erst zum Ausgang von Jom Kippur gefällt werden. Dazwischen liegen also die Zehn Tage der Umkehr, in denen wir uns durch Gebete und Verhaltensänderung darum bemühen, die Waagschale zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Der zentrale Begriff dieser Zeit ist „Umkehr“ (hebr.: „Teschuwah“), was den Prozess der Erkenntnis der eigenen Fehler, die Einsicht, den Willen zur Veränderung und das tatsächliche Ablegen der alten Verhaltensmuster meint.

Jom Kippur ist der Versöhnungstag, und Versöhnung soll auf dreifache Weise bewirkt werden: a) zwischen Gott und mir, b) zwischen meinen Mitmenschen und mir, und c) zwischen mir und mir selbst. In der Mischnah (Joma 8:7) heißt es:

„Sünden des Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag. Sünden des Menschen gegen seinem Nächsten sühnt der Versöhnungstag nicht, bis man dessen Verzeihung erlangt hat.“

In den Zehn Tagen der Umkehr nimmt zwar die spirituelle Atmosphäre an Intensität zu, aber Gebete können nicht den Schaden heilen, der in zwischenmenschlichen Beziehungen entstanden ist. Es ist nicht möglich, diesen schweren Schritt an Gott zu delegieren. Jede/r ist aufgefordert, selbst zu den Menschen zu gehen, denen man Kränkungen zugefügt hatte, und sich um Versöhnung zu bemühen. Diese muss erfolgt sein, bevor man am Jom Kippur vor Gott treten und von dort Vergebung erhoffen kann.

Während der Hohen Feiertage ist Weiß die dominierende Farbe in der Synagoge: Der Torahvorhang, die Torahmäntel und die Decke auf dem Lesetisch sind weiß, und am Kippur kleiden sich auch die Menschen ganz in weiß, um die Hoffnung aus Jes 1, 18 zu auszudrücken: „Wenn eure Sünden auch karmesinrot sind, weiß wie Schnee sollen sie werden“. In der Torah wird Jom Kippur als ein Tag der Kasteiung beschrieben (Lev 23, 27), was vor allem als ein strenger Fastentag verstanden wird. Dazu gehört der Verzicht auf jegliches Essen und Trinken (außer wenn das gesundheitlich geboten ist), auf Duschen, Kosmetik und sexuelle Beziehungen. Nach einer abschließenden Mahlzeit vor Anbruch des Jom Kippur gehen viele in die Synagoge, wo das berühmte Kol-Nidrej-Gebet die Liturgie des Versöhnungstages eröffnet. Es ist ein aramäischer Text, der von der Macht der Worte handelt und uns vor Gott von unbedacht gegebenen Versprechungen befreien soll. Mit seiner alten, ergreifenden Melodie beginnt das liturgische Drama dieses Tages, das die Anwesenden durch viele Höhen und Tiefen führt, und erst am folgenden Abend mit der Hawdalah-Zeremonie zum Ausgang des Jom Kippur eine Auflösung erfährt.

Fünf Mal wird das Hauptgebet der Amidah gesagt, das während der Zehn Tage der Umkehr besondere Einschübe erhält, die flehentlich darum bitten, zu einem Jahr des guten Lebens eingeschrieben zu werden. Daran schließt sich jeweils ein Schuldbekenntnis („Widui“), das die Gemeinde gemeinsam spricht. Auch wenn jede/r Verantwortung für die eigenen Verfehlungen übernehmen muss, fällt es doch leichter, diese gemeinschaftlich zu bekennen und daraus Kraft für die Schuldeinsicht zu beziehen. Ein Höhepunkt ist für viele die Lesung des Jonah-Buches im Nachmittagsgottesdienst, das die Themen der Hohen Feiertage aufnimmt. Der Unwille des Propheten Jonah, den ihm fernstehenden Menschen von Niniveh Umkehr zu predigen und sein Beharren auf ihrer Strafwürdigkeit bringt die schwierige Balance von Gerechtigkeit und Erbarmen zur Sprache. Ohne Gerechtigkeit, also ohne Verantwortung für die eigenen Taten und die Sanktionierung von Vergehen, würde die Welt in Regellosigkeit und Tyrannei versinken. Ohne Erbarmen und Vergebung hingegen gäbe es keine Chance zu Neuanfang und Veränderung.

Manche Gemeinden ziehen die Gebete vom Morgen bis zum Abend hin, so dass die Beter*innen den ganzen Tag in der Synagoge verbringen. Andere machen am frühen Nachmittag eine Pause, damit sich alle Akteure etwas ausruhen können oder bieten in dieser Zeit Schiurim (Lernstunden) zu Texten des Versöhnungstages an. Das Schlussgebet (Ne’ilah) gewinnt noch einmal an Intensität, denn nach traditioneller Vorstellung stehen die Tore des Himmels kurz vor der Schließung und nun ist die letzte Gelegenheit, flehentliche Bitten vorzutragen. Dieses Gebet endet nach Sonnenuntergang mit dem Schema Jisrael, der siebenmaligen Bekräftigung „Der Ewige ist Gott“ und einem langen Schofarton. Daran schließt sich die Hawdalah-Zeremonie zur Verabschiedung vom „Schabbat der Schabbate“ mit Wein, geflochtener Kerze und Gewürzen. Jom Kippur endet so mit einer fröhlichen Note, denn wir vertrauen darauf, dass Gott mit uns Erbarmen hat, weil auch wir den Versöhnungstag ernst genommen haben. Und auch das Fasten endet mit einem gemeinsamen „Anbeißen“ mit leichten Speisen, Obst und Getränken. Zum Abschluss wünschen sich alle „Chatimah Towah“, die „Besiegelung eines guten Urteils“.

 

Sachor beziehungsweise 9. November

Das aktuelle Monatsplakat „Sachor beziehungsweise 9. November“ stellt die überaus wichtigen und politisch relevanten Themen „Erinnerungskultur“ und „Antisemitismus“ in den Fokus. Was genau versteht man unter Antisemitismus?

Der folgende Link Antisemitismus begegnen | bpb führt dich zur Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung. Der kurze Infofilm „Antisemitismus begegnen“ von Laura Momo Aufderhaar (Pudelskern GbR) zeigt anschaulich die verschiedenen Facetten des Antisemitismus.

Für die ökumenisch verantwortete Kampagne #beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als zu denkst verfasste die Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg einen Artikel über die Entwicklung der jüdischen Gedenkkultur, den ihr hier nachlesen könnt:

„Der 9. November ist ein Gedenktag für alle jüdische Gemeinden in Deutschland, denn es gab keine Stadt und keinen Ort, wo 1938 nicht Synagogen brannten oder verwüstet, Friedhöfe geschändet, Geschäfte zerstört und Menschen ins Konzentrationslager verschleppt wurden. Das Novemberpogrom 1938 markiert das Ende einer von Juden während des ganzen Zeitalters der Emanzipation gehegten Hoffnung darauf, gleichberechtigter und willkommener Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Die zutage getretene Brutalität der Täter und die Gleichgültigkeit weitester Bevölkerungskreise zerstörten das deutsch-jüdische Selbstverständnis, zu diesem Land zu gehören. Über die konkreten Grausamkeiten an jüdischen Menschen und Stätten hinaus steht dieses Datum für das Ende des deutschen Judentums. Deshalb bleibt der 9. November Teil der Gedenkkultur hierzulande, selbst wenn mittlerweile mit dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar und dem Jom HaSchoah im April auch andere Daten etabliert sind.

Vielleicht wurde am 9. November als Gedenktag auch deshalb festgehalten, weil es noch halbwegs möglich ist, die Geschehnisse und den Schrecken der Reichspogromnacht zu beschreiben. Bei den nachfolgenden Ereignissen – den Deportationen, den Massenerschießungen, den Vergasungen, und der Kaltblütigkeit, mit der diese ausgeführt wurden – versagt das Denken und versagt die Sprache. Wie kann man dieser Ungeheuerlichkeiten gedenken? Und wie kann man Worte, Rituale und andere Ausdrucksformen finden, um eine Erinnerungskultur zu entwickeln?

Für das Judentum ist die Verpflichtung des „Sachor“ („Erinnere dich!“) schon in der Bibel verankert: „Gedenke, was dir Amalek getan auf dem Weg bei eurem Auszug aus Ägypten, wie sie dich unterwegs angriffen und deine Nachzügler erschlugen, alle die Schwachen, die hinter dir zurückgeblieben waren“ (Deut 25, 17-18). Diese Verse sind Bestandteil des Schabbats „Sachor“, der jedes Jahr vor Pessach begangen wird. Über die Jahrtausende hinweg musste Israel immer wieder mit Katastrophen umgehen und Wege des Trauerns und Erinnerns finden. Die biblischen Klagelieder beschreiben und beweinen die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels im Jahr 587 v.d.Z. durch die Babylonier. Sie wurden zum Lesungstext für den Tisch’ah BeAw und nahmen so auch die Trauer um den von den Römern zerstörten Zweiten Tempel im Jahr 70 und weitere historische Unglücke auf. Vier von fünf Fastentagen im jüdischen Jahreskreis sind dem Gedenken an die Tempelzerstörungen („Churban“) gewidmet, der zum Sinnbild auch späterer, vom jüdischen Volk erlittenen Katastrophen wurde. […]

Die Schoah ließ sich nicht mehr einordnen in die traditionellen Bewältigungsmuster, die im Kern religiöse Ausdrucksformen waren. Für das Judentum ist die Auffassung zentral, dass Gott sich den Menschen und insbesondere Israel in der Geschichte offenbart. Wohl ist Gott der Schöpfer des Universums, aber Gottes Willen erkennen wir nicht in der Natur, sondern in der Geschichte. Das historische Geschehen ist der Ort, wo sich Gott und Mensch, Gott und Israel begegnen. Die Ermordung eines Drittels des jüdischen Volkes, das Ausmaß der Zerstörung und die Auswahl der Opfer allein auf Grund ihrer Herkunft hatten das Vertrauen in die Existenz Gottes und seines besonderen Bundes mit Israel radikal erschüttert. Was konnte nun noch Sinn des jüdischen Glaubens sein? Ein Gott, der nicht eingreift, wenn jüdische Babys und Kinder getötet, unschuldige Männer und Frauen vergast, blühende Gemeinden vernichtet werden – diese Unfassbarkeit verdichtete sich zur Frage „Wo war Gott in Auschwitz?“.

An traditionelle Gedenkformen knüpfte das israelische Oberrabbinat an, als es 1950 den 10. Tewet, einen der Trauertage um Jerusalem, zum „Tag des Kaddisch“ für die Ermordeten benannte. Seit 1959 ist Jom HaSchoah der offizielle Gedenktag des Staates Israel, sein Datum im April erinnert an den Beginn des Warschauer Ghettoaufstands und würdigt somit den militärischen und den geistigen Widerstand von Juden und Jüdinnen. Am Vorabend und am Morgen dieses Tages heulen Sirenen, die Menschen halten Schweigeminuten ab; die Entzündung von sechs Fackeln in der Gedenkstätte „Yad Vashem“, die Ehrung von Überlebenden und die Verlesung von Erinnerungsberichten sind feste Bestandteile dieser Gedenkkultur geworden. Inzwischen wird auch in jüdischen Gemeinden weltweit der Jom HaSchoah begangen. Vielerorts wird die alte jüdische Tradition der Memor-Bücher aufgenommen, indem öffentlich die Namen der Ermordeten verlesen werden. Werke der Bildenden Kunst, der Literatur, Musik, Theater und Film bemühen sich um künstlerische Formen des Gedenkens. Daneben wird historische Forschung als unverzichtbar betrachtet, um zu erinnern und die Geschichte zu verstehen. Das Gebot des „Sachor“, des Erinnerns und des Gedenkens, ist untrennbarer Bestandteil jüdischer Identität in Vergangenheit und Gegenwart, in Deutschland sicherlich noch mehr als anderswo.“

Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg

Sukkot – das Laubhüttenfest

„Das Laubhüttenfest sollst du sieben Tage lang feiern, wenn du den Ertrag einbringst von deiner Tenne und deiner Kelter. Und du sollst an deinem Fest fröhlich sein, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, der Levit, der Fremde, die Waise und die Witwe, die an deinem Ort wohnen. Sieben Tage lang sollst du dem Ewigen, deinem Gott, das Fest feiern an der Stätte, die der Ewige erwählen wird, denn der Ewige, dein Gott, wird dich mit all deinem Ertrag und bei aller Arbeit deiner Hände segnen, darum sollst du fröhlich sein.“ (Dtn 16, 13-15)

Dieser alttestamentliche Bibeltext stammt aus dem Buch Deuteronomium und zeigt deutlich das wichtigste Gebot dieses jüdischen Festes: Sei fröhlich und freue dich über die Gaben Gottes! Welche Bedeutung das Laubhüttenfest für heutige Jüdinnen und Juden hat, erklärt die Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg:

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als zu denkst

„Kaum ist Jom Kippur zu Ende gegangen, da sind auch schon die ersten Hammerschläge für den Bau der Sukkah zu hören. Eine Hütte aus Holzwänden oder Zeltplanen entsteht, mit einem durchlässigen Dach, das nur aus Zweigen und Blättern besteht. Gerade erst haben wir zu den Hohen Feiertagen über die Neuordnung mancher Aspekte unseres Lebens nachgedacht, da ziehen wir auch schon symbolisch in eine dünnwandige Hütte, die uns auf eine ganz sinnliche Weise spüren lässt, was Unsicherheit und Vertrauen bedeuten. Das zentrale Gebot von Sukkot besteht darin, für sieben Tage die eigene stabile, warme Wohnung mit einer provisorischen Behausung zu vertauschen. Das soll uns die Wüstenwanderung vergegenwärtigen, als die Menschen ebenfalls in behelfsmäßigen Unterkünften lebten. Ihre ganze Existenz war ein Provisorium, eine Übergangsphase zwischen dem Aufbruch aus der Sklaverei und dem Ankommen im eigenen Land.

Die Laubhütten sind bunt geschmückt mit Girlanden, Obst, Kinderzeichnungen und Bastelarbeiten, aber die entscheidende Sache ist das Laubdach, das ganz durchlässig ist: Es soll nur aus abgeschnittenen Pflanzenteilen bestehen und gerade so dicht gedeckt sein, dass durch Löcher noch die Sterne zu sehen sind. Man ist darin Kälte und Regen ausgesetzt, und das lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die menschliche Schutzbedürftigkeit. Nicht in die Annehmlichkeiten unseres Wohlstands sollen wir unser Vertrauen setzen, sondern in das Behütetsein durch Gott. Durch das Wohnen in der Sukkah sollen wir uns bewusstwerden, dass die gewohnte Stabilität und Planbarkeit unseres Lebens eine Illusion ist. Wir sollen uns für einige Tage dieser Erfahrung von Ungewissheit aussetzen, damit wir diese Erkenntnis nicht nur mit dem Kopf verstehen, sondern mit allen Sinnen. Freilich entspricht dieses Konzept eher dem nahöstlichen Klima – im mitteleuropäischen Herbst ist es in der Regel nicht möglich, tatsächlich in der Sukkah zu wohnen. Je nach Witterung werden dort aber wenigstens die Mahlzeiten eingenommen, auch zum Torahstudium und zum geselligen Zusammensein trifft man sich in der Laubhütte.

Einzigartig für das Laubhüttenfest ist die Verpflichtung, fröhlich zu sein – drei Mal erwähnt die Torah dieses Gebot. Besonders zu biblischen Zeiten, unter den Bedingungen einer agrarischen Gesellschaft, markierte dieses Fest auch den Abschluss der Ernte und wurde deshalb besonders ausgelassen gefeiert. Die Früchte von Feld und Garten waren eingebracht, die in der Landwirtschaft Tätigen hatten nun eine wohlverdiente Pause, und so wurde Sukkot auch als Erntedankfest begangen:

„Der Ewige, dein Gott, wird dich mit all deinem Ertrag und bei aller Arbeit deiner Hände segnen, darum sollst du fröhlich sein.“ (Deut 16, 15)

Zur Festtagsfreude gehört auch die Gastfreundschaft. Es ist üblich, sich gegenseitig in der Sukkah zu besuchen und gemeinsam zu essen. Aus dem Mittelalter stammt der Brauch, besondere „Uschpisin“ (aramäisch: „Gäste“) einzuladen. Bei ihnen handelt es sich traditionell um die biblischen Gestalten von Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Aharon, David und Josef, die uns mit ihrer unsichtbaren, jedoch segenbringenden Anwesenheit beehren. Plakate mit ihren Namen schmücken viele Laubhütten. In den letzten Jahren ist üblich geworden, auch bedeutende Frauen aus biblischen oder späteren Zeiten als „Uschpisot“ einzuladen, die Sukkah mit ihren Namen oder Bildern zu dekorieren und an ihre Verdienste zu erinnern.

Ein eigentümliches Ritual zu Sukkot ist das Schütteln des Gebindes der Vier Arten, das schon in der Torah erwähnt wird:

„Und am ersten Tag sollt ihr euch schöne Baumfrüchte nehmen, Palmwedel und Zweige von dichtbelaubten Bäumen und Bachweiden, und ihr sollt sieben Tage fröhlich sein vor dem Ewigen, eurem Gott.“ (Lev 23, 40)

Dieser Feststrauß, auch „Lulaw“ genannt, besteht aus einem langen Palmzweig, zwei Bachweidenzweigen, drei Myrthenzweigen und dem Etrog, einer speziellen Zitrusfrucht. Die ursprüngliche Bedeutung dieser Zusammenstellung liegt im Dunklen. Eine Interpretation hebt darauf ab, dass das Gebinde aus diesen so diversen Pflanzenarten die Einheit Israels symbolisiert. Andere Erklärungen beziehen sich auf die Verbindung der einzelnen Arten zum Wasser. Der Lulaw wird täglich während des Hallel-Gebets (Ps 113-118) in alle vier Himmelsrichtungen, nach oben und nach unten geschüttelt.

Neben den Komponenten von Erntedank und Erinnerung an nationale Geschichte (Israels Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten) hat das Laubhüttenfest auch einen ganz universalistischen Ausblick. Zu Tempelzeiten wurden während der sieben Tage von Sukkot insgesamt siebzig Stiere als Opfer dargebracht, je einen für die traditionell siebzig Völker der Welt. Das greift die Vision des Propheten Secharja auf, dass eines Tages alle Nationen zum Laubhüttenfest nach Jerusalem pilgern werden, um Gott als Souverän der Welt anzuerkennen (Sach 14).

Sukkot gilt als eine Zeit des göttlichen Gerichts über Wasser, denn jetzt entscheidet sich, wieviel lebensspendender Regen dem Land (Israel) im kommenden Jahr zuteilwird. Viele der Rituale zu Sukkot haben Wasser zum Inhalt, denn wenn es im nun beginnenden Winter nicht genug regnet, drohen Dürre, Hunger und Not. Regen steht auch im Fokus des unmittelbar an Sukkot anschließenden Feiertags Schemini Atzeret. Vielen ist er vor allem für sein Regengebet bekannt. Der Kantor trägt einen Kittel, das traditionelle Sterbegewand, und trägt ein Poem voll biblischer Bezüge vor, an dessen Ende die flehentliche Bitte erklingt:

„Begnade uns mit Wassermengen, denn du bist der Ewige, unser Gott,
der den Wind wehen und den Regen fallen lässt.
Zum Segen und nicht zum Fluch.
Zum Leben und nicht zum Tod.
Zur sättigenden Fülle und nicht zum Mangel.“

Über viele Jahre wurde das Flehen um Regen in hiesigen Breiten eher belächelt und als ein Relikt unserer auf den Nahen Osten verweisenden Liturgie betrachtet. Aber nachdem auch hierzulande sich der Klimawandel bemerkbar macht und mehrere regenarme Jahre in Folge sichtbare Schäden in Natur und Landwirtschaft hinterließen, gewinnt dieses Thema an neuer Aktualität. So erinnern uns die Laubhütte zu Sukkot und das Regengebet zu Schemini Atzeret daran, dass wir nicht losgelöst von der Natur existieren können und unser Leben von einer Haltung der Dankbarkeit geprägt sein sollte.“

„Der Antisemitismus hat .... seinen Sitz .... in einem bösen Herzen.“ (Peter von der Osten-Sacken)

Das aktuelle Themenplakat der ökumenisch verantworteten Kampagne trägt den Titel „Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus“. Aus jüdischer Sicht meldet sich diesen Monat die Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg zu Wort: 

„Antisemitismus hatte und hat mörderische Folgen, und selbst seine „milderen“ Varianten vergiften das Leben. Die religiös, rassisch oder politisch begründete Abwertung des Judentums fordert die jüdische Gemeinschaft zu allen Zeiten zu Antworten heraus. Manche Jüdinnen und Juden versuchten den Demütigungen zu entgehen, indem sie möglichst wenig als solche erkennbar sind und sich an die Umgebung assimilieren. Am anderen Ende des Spektrums finden sich jene, die diese Bemühungen als aussichtslos verwarfen und die Errichtung eines eigenen Gemeinwesens erstrebten, in dem Judenhass keine Chance mehr haben würde. Jüdische Gegenwehr äußerte sich auch in vielfältigen Formen von Aufklärung, Apologetik und Entkräftung antisemitischer Anwürfe. Der Verunsicherung von außen wurde Stolz auf die eigene Kultur, Religion und Geschichte entgegengesetzt. Nur wenige ließen sich beeindrucken von christlichen Missionierungsversuchen, gleich ob sie als Zwang oder in vermeintlicher Liebe vorgetragen wurden.“ 

#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als zu denkst

Frei von Sklaverei und Tod: Pessach beziehungsweise Ostern

Im Jahr 2021 stellt die Nacht vom 27. auf den 28. März eine ganz besondere Nacht für gläubige Juden dar.
„Warum ist diese Nacht so ganz anders als die übrigen Nächte?“ fragen traditionell die jüdischen Kinder am Sederabend, dem Vorabend des Pessachfestes, der heuer auf einen Samstag fällt. Als Antwort wird die biblische Exodus-Geschichte erzählt und gemeinsam die Haggadah gelesen.
Im Judentum gilt es als selbstverständlich, dass Kinder bei religiösen Festen eingebunden werden und ihre Aufgaben erhalten. Auf diese Weise wird jüdischer Glaube nicht nur gelebt, sondern auch an die nächste Generation weitergegeben.
Das Pessachfest gehört zu den wichtigsten jüdischen Festen und folgt einem ganz bestimmten Ablauf. Das Fest erinnert an das rettende Eingreifen Gottes und an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Erst als der Sohn des Pharaos durch die letzte und zehnte Plage (Tod des Erstgeborenen) starb, ließ er die Israeliten in die Freiheit ziehen. Verschont blieben nur die israelitischen Familien, die nach Gottes Weisung ihre Türpfosten mit dem Blut eines Lammes bestrichen hatten. Die Bibel deutet „Pessach“ (= Vorübergang) auf das „schonende Vorübergehen Jahwes“ an den Häusern der Israeliten in Ägypten.
Neben einem festlich geschmückten Tisch und einem Sederteller mit festgelegten Speisen dürfen natürlich ungesäuerte Brote (Mazzot) nicht fehlen. Während der Pessachwoche darf nichts Gesäuertes gegessen werden. Beim „Fest der Ungesäuerten Brote“ wie das Pessachfest noch genannt wird, wird das „ungesäuerte Brot“ als Zeichen des sofortigen Aufbruchs gedeutet, der beim Auszug aus Ägypten gefordert war. Dieser kam so plötzlich, dass die Zubereitung gesäuerter Brote nicht mehr möglich war.
Bitterkraut, ein Hühnerknochen, ein gekochtes Ei, ein Fruchtmus und Petersilie mit Salzwasser sind typische Speisen, die man auf dem Sederteller findet. Jeder dieser Speisen hat eine besondere symbolische Bedeutung. Das Eintauchen der Petersilie in das Salzwasser und das Bitterkraut erinnern an die bittere Zeit der Knechtschaft und die Tränen der Israeliten in Ägypten. Anstelle des Pessachlammes, welches im Jerusalemer Tempel geschlachtet wurde, wird ein gebratener Hühnerknochen auf den Teller gelegt. Das ziegelfarbige Mus erinnert an die Lehmziegel der Sklavenarbeit und das gekochte Ei an das Festtagsopfer.
Es ist kein Zufall, dass die Termine des Pessachfestes und des Osterfestes so nah beieinanderliegen. Denn Pessach ist auch der Ursprung der christlichen Kartage und des Osterfestes.
Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die den Höhepunkt der Fastenzeit bildet und ins Osterfest, das höchste Fest der Kirche mündet. An diesem Tag erinnern wir uns an den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem, der dort mit seinen Jüngern das Pessachfest feiern wollte. In Jerusalem beginnt der Leidensweg Jesu, der am Rüsttag des Pessachfestes gekreuzigt wurde. Somit fielen Tod und Auferstehung in die Pessachwoche.
An Ostersonntag feiern wir Christen die Auferstehung Jesu und seinen Sieg über den Tod. Rund um das Osterfest haben sich zahlreiche Bräuche wie das Osterlamm, das Bemalen von Ostereiern oder der Schokoladenosterhase etabliert. Wie im Judentum kommen auch diesen Bräuchen eine symbolische Bedeutung zu.
Das Lamm ist vor allem als Opfertier bekannt. Traditionell wurde es zum jüdischen Passachfest geschlachtet und gegessen. Das Osterlamm ist im Christentum jedoch ein Symbol für den Opfertod Jesu, der für unsere Sünden gestorben ist und uns vom Tod befreit hat.
Warum der Osterhase der Überbringer der Ostereier ist, hat einen ganz bestimmten Grund. Der Hase gilt als Symbol der Fruchtbarkeit und des Fortbestehen des Lebens. In der byzantinischen Tiersymbolik wird er als Sinnbild für Jesus Christus gesehen, welcher im Tod das Leben gebracht hat.
Auch das Ei hat viele verschiedene Bedeutungen, die sich zum Teil auf das christliche Osterfest übertragen haben. Aus dem Ei entsteht Leben und so galt es schon in der Urchristenzeit als Symbol der Auferstehung.
Jesus ist und bleibt die Schnittstelle zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben. Als Jude feierte er die traditionellen Feste. Seine jüdischen Wurzeln verbinden uns mit dem Judentum und durch ihn bekommen wir Anteil an den zentralen Inhalten der jüdischen Religion.
Ein entscheidender Punkt, der Christen und Juden jedoch voneinander trennt, besteht in der „Messiasfrage“. Juden sehen in Jesus Christus einen Propheten von vielen. Für uns Christen ist Jesus der erhoffte Messias, der Erlöser und der Sohn Gottes.
Obwohl beim Osterfest wie auch beim Pessachfest die Thematik der Befreiung im Zentrum steht, werden unterschiedliche religiöse Schwerpunkten gesetzt. Jüdinnen und Juden feiern zu Pessach die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft und Christen mit dem Osterfest die Befreiung Jesu aus der Macht des Todes.
Wie gut kennst du dich mit der Bibelgeschichte über den Auszug aus Ägypten aus? Finde es heraus und teste dein Wissen bei einem Online-Quiz!

#beziehungsweise: jüdisch und christlich: Näher als du denkst

Die Verlesung der Esther-Rolle in der Synagoge steht im Zentrum des Gottesdienstes beim Purimfest. Auch wir Christen finden das Buch Esther im ersten Teil der Bibel. Es ist eingebettet zwischen dem Buch Judit und den Büchern der Makkabäer im Alten Testament.

Die jüdische A-Capella-Gruppe „The Maccabeats“ aus New York thematisiert in ihrem Musikvideo die Geschichte von der mutigen, jüdischen Königin Esther und ihrer Rettungsaktion.

Link zum Purim Song:

Hier die deutsche Übersetzung zum Songtext:

Steht auf für eine so große Erzählung,
Schuschan ist der Ort, wo alles begann
Das verborgene Wunder.
Ein Mann, der Zweite im Bunde,
Alle Juden zu töten war sein böser Plan
Ein Plan so jämmerlich.
Er wählte einen Tag für die Katastrophe.
Es ist ironisch, was danach kam.
Er wusste nicht, dass ein Mädchen namens Esther
es auf den Kopf stellen würde.

Also erhebt euer Glas, wenn ihr die versteckte Bedeutung sehen könnt,
sie liegt direkt vor dir,
wir werden nie etwas anderes als stolz sein,
die Geschichte zu erzählen,
v'nahafoch hu (Es wurde auf den Kopf gestellt).

Wollt ihr nicht kommen und kommen und euer Glas erheben,
komm und komm und erhebe dein Glas.
Esther wurde die Königin
Denn' Gott zog die Fäden hinter den Kulissen.
Sie trug die Königskrone.
Drei Tage lang haben die Juden nur gebetet,
Königin Esther riskierte ihr Leben, um den Tag zu retten
Sie brachte Haman zu Fall.
Die Straßen waren voll von Feierlichkeiten.
Alle aßen Hamantashen.
Jubel für die Nation
Ken tihiyeh lanu... (So sollte es für uns sein)

Also erhebt euer Glas, wenn ihr sehen könnt, die versteckte Bedeutung,
sie liegt direkt vor Ihnen,
wir werden nie etwas anderes sein
als stolz darauf sein, die Geschichte zu erzählen,
v'nahafoch hu

Wollt ihr nicht kommen und kommen und euer Glas erheben,
Kommt schon, kommt schon, erhebt euer Glas.
Also zieht eure Kostüme an.
Macht Lärm und übertönt Haman.
Trinkt nicht wie ein Narr.
Und denkt daran und denkt daran,
worum es an diesem Tag geht...
Also erhebt euer Glas, wenn ihr Gott an verborgenen Orten seht,
Er ist direkt vor euch,
Wir werden nie etwas anderes sein, als stolz darauf zu sein, unsere Geschichte zu erzählen
v'nahafoch hu

Also erhebt euer Glas, wenn ihr den verborgenen Sinn sehen könnt,
er liegt direkt vor dir,
wir werden nie etwas anderes sein, als stolz darauf, die Geschichte zu erzählen,
v'nahafoch hu

Wollt ihr nicht kommen und kommen und euer Glas erheben,
Komm schon, komm schon, erhebe dein Glas...

 (Lyrics © 2011 David Block and Immanuel Shalev)

Und hier kannst du noch ein Quizblatt zu Purim herunterladen.

Fachschaftsleitung: Magdalena Kania